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nur noch 1 Woche – Endspurt

In der ersten Woche dachten wir, dass die Zeit hier doch anders geht. Doch nun scheint sie zu rennen und wir stellen uns schon einen Plan auf, um auch alles zu schaffen.

Auch das zeigt, dass wir Deutschland und unseren dortigen Lebensgewohnheiten langsam näher rücken:-))

Die Woche war wieder angefüllt mit vielen Patientenschicksalen und Gesprächen unter uns German Doctors, die auch viel kritisches und verbesserungswürdiges beinhalten. Dies betrifft weniger die Patientenversorgung als die organisatorischen Gegebenheiten. Unser Team (Healthworker, Übersetzer, Registratur, Verbandsschwester und Medikamentenausgabe) sind eine eigenständige Organisation, Howrah Southpoint. Unter dieser arbeiten die German Doctors, welche geduldet, aber nicht von der indischen Regierung erwünscht und als Ärzte anerkannt sind. Erschwerend kommt dazu, dass die Einsatzorte

bis auf die Dispensaire in Howrah Southpoint in sogenannten Clubs sind. Die Besitzer bekommen natürlich einen Obolus für die Miete, den Strom und Organisation des Ablaufes. Aber ohne Mafiöse Strukturen geht hier garnix. So erfuhren wir, dass die Patienten schon zur nächtlichen Stunde anstehen und dann dem Clubbesitzer einen Obolus bezahlen müssen, damit sie in der Reihe bleiben dürfen. Auch bringen die Clubbesitzer natürlich ihre Familie und andere Kranke aus ihrer Bosboa, die aber ihre Behandlung und Medikamente bezahlen könnten und nicht zu den Ärmsten der Gesellschaft gehören. So gibt es immer wieder an bestimmten Einsatzorten Unruhe durch die Patienten, die verständlicherweise mit dieser „Korruption“ und nachteiligen Behandlung zu Recht nicht einverstanden sind. Dies können wir aber nicht durchschauen. Auch sind einige Mitarbeiter wohl nicht immer freundlich zu den Patienten sondern haben eine ruppige, unfreundliche Art. Von unseren Übersetzerinnen, mit denen wir an einem Tisch sitzen, können wir das keinesfalls sagen. Sie werden von uns gefordert und gegebenfalls korrigiert, wenn wir merken, dass sie Unmut den Patienten gegenüber zeigen. Dies sind u.a. auch Bausteine in dem System, die wir schwer kontrollieren können. Dem Personal sind wir nur bedingt weisungsberechtigt und zum großen Teil ist es unkündbar. Man darf nicht vergessen, dass in Indien bis vor 5 Monaten noch eine sozialistische Regierung herrschte.

Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Gedanken nicht zu sehr in die Unwegbarkeiten verstricken und die Unsicherheit zur Angst sich entwickelt. Hier in Howrah fühlen wir uns nach wie vor sicher, obwohl einige Kollegen auch schon andere Erfahrungen gemacht haben. In 4 Monaten soll der Umzug in den neugebauten Komplex nach Pushpahome erfolgen.

Persönlich haben wir in unserer ärztlichen Tätigkeit fast immer eine gute Rückmeldung von den Patienten. So wie man ihnen offen begegnet und ihnen zuwendet, kommt auch meistens ein Lächeln oder wenigsten Salemaleikum oder good morning oder winken von kleinen Kinderhänden zurück. Bettina hat sogar schon ein Küsschen von einem alten Mann auf die Wange erhalten, was sehr ungewöhnlich ist…

Wir freuen uns  auf unsere letzte Woche. Wir haben nach Verabschiedung von Katha ab morgen eine erfahrene Gynäkologin, welche schon mehrfach in Kalkutta war an unserer Seite. Bettina hat leider für die nächsten 2 Tage eine neue Übersetzerin, was nicht so einfach ist, da man sich in dem indischen-englischen Singsang immer etwas reinhören muss. Aber es ist nur für 2 Tage.

Den Samstag verbrachten wir u.a. mit „homevisits“. Wir besuchten zusammen mit einer healthworkerin tuberkulos Erkrankte in ihrem zu Hause. Dazu fuhren wir erstmal mit der Rikscha in einem benachbarten Slum nach Shakia, unterwegs kauften wir für 10 Familien ein kleines Mitbringsel – je eine Dose Zusatznahrung aus Milchpulver, Malz und ….

Es war ein großes Elend was wir sehen mussten. Fast alle waren an einer offnen TB erkrankt, eine Pat. mit multiresistenten Keimen. In der ersten Familie waren Mutter und die 1,5 jährige Tochter betroffen. Ein zweites von 5 Kindern saß auf dem Bett und der Mantoux Test (Tuberkulose – Test) am linken Arm vom Vortag war schon aus der Ferne als positiv zu bewerten. Die anderen Kinder sollen morgen getestet werden. Hoffentlich kommen diese Menschen in die Anlaufstellen, sonst nimmt der Infektionsweg seinen Lauf. Die Lebensumstände bieten keine Chance, der Erkrankung im eigenem 12 Quadratmeter kleinem Lebensraum zu entkommen. Und das mit einer 7-köpfigen Familie. Eine weitere erkrankte Mutter mit 2 kleinen Kindern hockte vor ihrer Reisschüssel auf der Erde im Freien, aschfahl und wir befürchteten, dass sie jederzeit zu Boden fällt. Sie hatte neben ihrer TB gerade einen Malariaschub. Ihr Mann war nicht da, sie war sicherlich nicht in der Lage sich um ihre Kinder oder sich selbst zu sorgen. Fraglich war auch, ob sie die Medikamente richtig einnimmt. Zu den Einnahmeterminen war sie zum Glück bisher immer regelmäßig im DOTS-Center erschienen. Aber wie lange hat sie noch die Kraft!???

So zeugte jeder Hausbesuch von einem schweren Schicksal, unvorstellbarer Armut und Leid. Uns trifft es mit Zerrissenheit und unendlichem Mitleid. Wie halten diese Menschen das Alles aus?????

Wir gehen nun in die letzten Sprechstunden,

einen lieben Gruß nach Hause,

von uns Beiden noch aus Kalkutta.

 

 

6 Kommentare

  • Rammelt, Ulrike

    1

    Liebe Ina und liebe Bettina, vor einer Woche bat ich Thomas, um eine Kontaktadresse zu Euch und wollte Euch - aus der "ERSTEN WELT" Mut und Bewunderung und Anerkennung aussprechen. Davon möchte ich auch keineswegs Abstand nehmen. .. Doch Ihr dürft wieder gehen, das Elend bleibt und Ihr werdet eventuell so ein Gefühl haben, einen See auschöpfen zu wollen. Doch das geht ja leider nicht. Und das wissen wir. Ihr habt in den letzten Wochen soviel geleistet. Seid froh darüber, dass Ihr dies auch leisten konntet - dass Ihr die Kraft, die Überwindung, Euer geistiges und praktisches "know how" hattet. Und wenn auch nur ein Saatkorn aufgeht ... Ich wünsche Euch noch Energie und auch Freude für die verbleibenden Tage Eure Ulrike mit Ralf, Richard, Robert (heute frischoperiert Appendix - auch hier geht es profan weiter) und Rebecca

  • Günter Gehrke

    2

    Sehr geehrte Frau Dr. Tunze Bin nun endlich mal dazu gekommen in die Webseite reinzuschauen. Es ist schon beeindruckend, weit ab in Europa ihre Aufzeichnungen zu lesen. Für Sie und ihre Kolleginnen sicher eine immense Erfahrung, in einem völlig anderen Kulturkreis zu leben und zu arbeiten. Ein Kollege war jetzt 2 Wochen in Indien und hat ein paar Eindrücke geschildert, die man sich kaum vorstellen kann. Unter diesem Aspekt ist Ihre Arbeit dort noch bemerkenswerter, zumindest für mich. Hut ab und für die letzten Tage noch alles Gute und eine glückliche Heimkehr ins „beschauliche“ Europa. Viele Grüße auch von meiner Familie Günter Gehrke

  • Ingrid Neefe

    3

    Liebe Frau Dr. Tunze, es ist interessant, aber besonders ergreifend Ihr Tagebuch zu lesen. Wenn man hier in Deutschland sitzt, verliert man sehr schnell den Blick für das Wesentliche. Ich finde Ihren Einsatz und denen aller Ihrer Kolleginnen und Kollegen bemerkens- und bewundernswert. Bleiben Sie alle gesund und kommen Sie wieder gut nach Hause! Ingrid Neefe

  • Angelika Benkenstein

    4

    Liebe Ina, vielen Dank für Deine /Eure informativ-berührenden Berichte, trotzdem freu ich mir ein Loch in den Bauch, dass Du bald wieder da bist. Dann hoffe ich auf einen kleinen Weihnachtsmarkttreff bei einem Glühwein im kühlen LE.Bis dahin die besten Grüße und einen guten, sicheren Hemeflug. Deine Gela

  • Michael Genest

    5

    Grüße aus Leipzig, der Weihnachtsmarkt hat geöffnet und wartet schon, das Ärztehaus steht noch.....

  • Jana Wuerfel

    6

    Liebe Bettina, tief bewegt und interessiert habe ich eure Berichte gelesen. Ich glaube es muss eine Achterbahn der Gefuehle sein, die ihr durchlebt. Zum einen das tolle Gefühl zu helfen, kleine Leben zu retten oder ein Lächeln auf ein Gesicht zu zaubern, andererseits die Ohnmacht nicht alles aendern zu können. Hut ab! Ich wuensche dir fuer die letzte Woche noch viel Kraft und komm gesund zurück. Ich freu mich auf ein Wiedersehen im Dezember in der Berghuette. Viele Gruesse an Frau Dr. Lipp! Herzliche Gruesse Jana Wuerfel

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